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Heilstheater

Figur des barocken Trauerspiels zwischen Gryphius und Kleist

 

Die Monographie untersucht ausgewählte Texte von Kleist und Gryphius mit der Frage, welche literarischen Figuren für die Verhandlung und Einlösung von Heilsverlangen und -versprechen eingesetzt werden. Zunächst wird die oft befremdliche Gewaltsamkeit, die Kleistsche Charaktere in der Realisation ihres Begehrens an den Tag legen, in Hinblick auf ihre sprachliche Darstellung und Produktion gelesen (vgl. bspw. Nicolo und Piachi in Der Findling) und in Verbindung zu den theatralen Strategien gesetzt, die von den Berliner Abendblättern erprobt werden. Der so erarbeitete Zusammenhang zwischen gewaltsamem Heilsverlangen und theatraler Einlösung findet eine bemerkenswerte Parallele in den Märtyrerspielen des Gryphius, deren Protagonisten geradezu nach dem eigenen Blut dürsten, um Glauben und Heilserwartung im Märtyrertod anschaulich zu bewähren. Hauptthese der Arbeit ist, dass die obstinate Eindeutigkeit des barocken Heilstheaters sich aus einer formalen Gewalt speist, durch die der Heilsbeweis des Märtyrerspiels unfreiwillig theatralisiert wird und sich in einen zweideutigen »Willen zum Heil« verwandelt.

Instrument dieses »Willens zum Heil« ist die christlich verstandene »figura« in allen ihren Schattierungen: Als emblematische Struktur (Schöne), als heilsversprechendes Interpretament (Auerbach), aber auch als anschauliche theatrale bzw. rhetorische Figur. Ausgehend von zwei Märtyrerspielen (Catharina von Georgien und Carolus Stuardus) werden zunächst die sprachlich-theatralen Strategien von Vereindeutigung und Erfüllung bei Gryphius herausgearbeitet, um dann in Auseinandersetzung mit den zeitgenössisch relevanten Regelwerken nach dem Anteil der Poetik (Scaliger, Heinsius) und Rhetorik (Tesauro), aber auch des Theaterapparats und seiner spezifischen Anschaulichkeit zu fragen: Als theatraler Heilsbeweis hat das Märtyrerspiel grundsätzlich mit dem Problem des rhetorisch-mechanischen Scheins zu kämpfen; der von ihm bewiesene Gott ist ein »deus ex machina.« Diese doppeldeutige Theatralisierung des Heilsversprechens und seiner Einlösung ist, wie zuletzt das Studium der Leichenreden des Gryphius belegt, nicht als Scheitern der literarischen Strategie, sondern als deren theologisches Programm zu verstehen.

Schließlich wird von dem Figurenspiel der Märtyrerstücke und Leichenreden aus der Bogen zurück zu Kleist geschlagen, dessen Lustspiel Der zerbrochne Krug die figurale Technik des barocken Heilsbeweises in der Überlagerung von Sündenfall (Adam und Eva) und tragischem Fall (Ödipus) aufnimmt und zur abgründigen Komödie verkehrt.

Aus einer Rezension: »Dergleichen kluge Beobachtungen, stets kundig an den Stand der Forschung anschließend, ihn dabei in überaus originelle Wendungen treibend, sind es, die ›Heilstheater‹ zu einem starken, einem gelungenen Buch machen, zu einem, von dem über die spezialisierte Gryphius- oder Kleist-Forschung hinaus wichtige Anregungen ausgehen können: sowohl für eine allgemeine Poetik des Trauer- und Lustspiels als auch für das intrikate Wechselverhältnis von Theologie und Theater in der Frühen Neuzeit« (Rezension von Robert Schütze, Kleist-Jahrbuch 2014, 205–212, hier 210 [zur online-version]).

 

Heilstheater. Figur des barocken Trauerspiels zwischen Gryphius und Kleist. München: Fink 2012, 216 S. 

Rezensionen von Achim Geisenhanslüke in Komparatistik 2014/2015, 285-288; Jason Kavett in: MLN 130/3 (2015), 667-670; Alejandro López in: Revista de Filología Alemana 21 (2013), 211-212; Robert Schütze in: Kleist-Jahrbuch 2014, 205-212 [online-version]; Christian Sinn in: Arcadia 49/2 (2014), 446–449